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“RAAM reizt mich definitiv” – ein Interview mit Christian von Ascheberg

Christian von Ascheberg Seit Anfang August hält Christian von Ascheberg den Weltrekord über 12h, 1000km und 24h in der vollverkleideten Klasse. Christian, der 1958 in Kassel geboren wurde, lebt heute mit Frau und Sohn in Wolfenbüttel. BentBlog sprach mit ihm.

BentBlog: Christian, erstmal herzlichste Glückwünsche zum neuen 24h-Rekord. Wie bist du eigentlich zur Langstreckenfahrerei gekommen?

Christian: Bei der Eustaff im Jahr 2001 habe ich mich mit einem Speedbike mit Heckhutze für eine schnelle Etappe beworben. Ich durfte mit Jens Buckbesch und Eggert Bülk, beide VV fahren. Mein Potential hatte ich völlig überschätzt. Ich bekam von Eggert die „schnellste Duomatik der Welt“, wie seine Vollverkleidung genannt wurde geschenkt. Im Herbst 2002 erzählte Martin Exeler bei einem Liegeradstammtisch von Trondheim Oslo und davon, das er 2003 Paris-Brest-Paris fahren wollte. Ich sagt aus einer Bierlaune heraus „das mache ich auch“. Ich fuhr. Seit 2004 bin ich ARA-Ausrichter.

BentBlog: Was reizt Dich am Rekordfahren? (gemeint ist hier, fährst Du eher um dir selbst was zu beweisen, dich mit anderen zu messen, für den Ruhm?)

Christian: Der Ruhm war mein Ziel in Schötz 2005. Damit bin ich total unglücklich geworden. 2006 jagte ich den Rekord in Berlin. Seitdem fahre ich gegen mich selbst. Bei jeder Fahrt sehe ich, das bei weitem nicht alles optimal läuft. Ich schätze die Defizite ab und versuche möglichst nahe an das Optimum zu gelangen. Neue Erkenntnisse schieben aber auch das Optimum nach hinten. Ich bin dann glücklich, wenn bei mir alles bestmöglich läuft. Das kann dann auch Platz 5 sein. Wobei ein Rekord natürlich schöner ist.

Vor 15 Jahren wäre der Satz „der Weg ist das Ziel“ ein Angriff auf mich gewesen. Man tut etwa um was zu erreichen. Nach dem ersten Sieg kommt dann ein wichtigerer Sieg, dann ein Rekord, ein deutlicherer Rekord, jedes Jahr ein Rekord? Nein, das geht nicht gut. Schon die Vorbereitung muss Spaß machen. Das Rekorde fahren an sich macht einfach Spaß. Ich freue mich über den Rekord von Charles, Wulf und Andreas fast so, wie über meinen eigenen.

BentBlog: Ist das ein Sport für Einzelkämpfer oder würdest Du es eine Teamleistung nennen?

Christian: Klarer Fall Teamleistung.

Dazu gehört das Rad, die Stimmung auf dem Event, die Emotionen die rüberkommen. Und letztendlich auch die Leistung des Fahrers. Der Täterkreis ist sehr groß.

BentBlog: Du organisierst eigene Brevets und fährst sie auch selbst. Was macht Dir mehr Spaß, 1200 km im Kreis oder z.B. Paris-Brest-Paris?

Christian: 1200km im Kreis. Bei PBP 2003, wie auch bei meinen Brevets bin ich immer alleine. Der Spaßwert des Dekra-Events ist unschlagbar.

BentBlog: Wieviel Zeit verbringst Du mit dem Training für das Langstreckenfahren? Und was sagt in diesem Zusammenhang eigentlich deine Familie, zu deinem Hobby? Christian von Ascheberg

Christian: Ich fahre seit Jahren konstant über 25000km im Jahr. Ich Winter verbringe ich mehr Zeit auf dem Rad, als im Sommer. Fahre dann aber langsamer. Im Frühjahr fahre ich Brevets und andere lange Strecken. Das macht mich schnell. Am Wochenende gibt es angemeldete Ereignisse, wo ich weg darf. In der Regel bin ich am Wochenende für die Familie verfügbar. Läuft dann mal nichts, schnappe ich mir dann doch das Rad und klinke mich kurz aus. Mein eigentliches Training ist in der Arbeitswoche. Morgens um 5 Uhr 30 sitze ich auf dem Rad. Abends nach der Arbeit bin ich bis nach 18 Uhr, oft auch länger unterwegs.

BentBlog: Du hast bei deinem Rekord einen neuen Carbon-Milan-SL gefahren. Um wieviel schneller war der verglichen mit deiner „alten“ Bülk?

Christian: Der Milan-SL läuft geschätzt 6 km/h schneller. Da wo ich 2009 mit dem Bülk die  perfekten Runden mit 49km/h drehte, waren es jetzt 59km/h. Verrechnet? Nein, bei Hitze muss man Tempo raus nehmen, Standzeiten machen sich bei höherem Tempo deutlicher bemerkbar.

BentBlog: Erzähl doch mal was zu diesem Super-Fahrzeug.

Christian: Zur Technik möchte ich nicht viel erzählen, die kann man bestimmt in den nächsten Tagen bei www.milan-velomobil.de nachlesen. Ich erzähle dafür lieber das, was ich über den Milan empfinde. Ich liege recht flach. Essen und Trinken geht gut – ich meine nicht das Handling, sondern direkt das Kauen und Schlucken, viel besser als im Bülk. Im Milan kann man lose herumliegende Dinge greifen. Undenkbar im Bülk. Den Kopf habe ich zumeißt nicht an die Nackenstütze gelehnt. Ist er weiter vorne, dann ist der Kopf besser mit Kühlluft umströmt. Beim Bülk hatte ich den Kopf seitlich an die Kopfhutze gelehnt und mich so an das Rad angekuschelt. Das Bülk passte wie eine zweite Haut. Der Effekt ist im Milan nicht ganz so gut gelungen. Beim Treten streifen meine Oberschenkel im Milan leicht die Radkästen. Die Ausbeulungen im Luckendeckel sind für mich auch zu weit außen, weil ich mit ganz kurzem Tretlager und Pedalen mit geringem Q-Faktor fahre. Schmerzende Schürfer an den Knieinnenseiten sind das Ergebnis. Mein Milan war laut, das hat eine Verständigung mit meiner Crew über Handy unmöglich gemacht. Daran habe ich aber schon gearbeitet.

BentBlog: Man hat den Eindruck, dass die Weiterentwicklung im Velomobilsektor in den letzten Monaten plötzlich sehr rasant vor sich ging. Hat Daniel Fenns öffentliche und selbstbewusste Darstellung der Entstehung seines Velomobils da einen wichtigen Einfluss auf die Szene gehabt?

Christian: Ja, Daniel ist eine Bereicherung für die Szene und Beyss auch. Daniel und ich sind Freunde. Beyss und das Räderwerk sind Rivalen. Das funkt und knistert und alle haben etwas davon. Sowohl das Evo, als auch der Milan sind tolle Räder. Schön, das die Entwicklung noch im vollen Galopp ist. Wir werden noch schneller Räder zu erwarten haben.

BentBlog: Ist mit Carbon/Kevlar, Wabentechnik und kleineren Varianten der Karossen jetzt ein längerer Entwicklungsschritt abgeschlossen oder werden wir schon bald weitere Entwicklungen sehen?

Christian: das weiß ich nicht. Für mich war erkennbar, das die bessere Oberfläche des Milan-SL deutlich zum Erfolg beigetragen hat. Bei einem flachen Rundkurs ist das Gewicht nicht so entscheidend. Bei Bergkursen ist es das schon. Stellt sich die Frage, was passiert bei einem Crash. Soll heissen ich beurteile neue Technik nach ihrem Nutzen und brauche nicht das allerneueste. Mein Rekord-Milan hatte ich nur Standard Komponenten und war nicht auf Leichtbau getrimmt.

BentBlog: Während des Rekordwochenendes mussten mehrere Fahrer wegen Magenproblemen aussteigen. Kannst Du für meine Leser erläutern, was genau da das Problem beim Langstreckenfahren ist?

Christian: Ich kann nur von mir berichten. Fahre ich über längere Zeit sehr schnell, dann kann man nach einer gewissen Zeit nicht mehr richtig essen und trinken. Tue ich es trotzdem, bekomme ich Brechreiz. Jetzt könnte man eine gewisse Zeit langsam fahren und wieder Essen und Trinken. Man kann aber auch von Anfang an das Tempo so wählen, das man noch genug in sich hinein bekommt. Am Ende muss man vielleicht gar nichts mehr essen, weil der Hungerast erst im Ziel kommt. Langstreckenfahren hat weniger mit Kämpfen zu tun, als mit Abschätzen darüber, wann und wie schnell man fährt.

BentBlog: Du hattest während deiner Rekordfahrt ziemliche Probleme mit der Hitze. Gibt es da schon Überlegungen, technische Lösungen zu finden?

Christian: Ja. Ich werde den Luftstrom in der Haube nochmals optimieren. Zu viel eingehende Luft wurde nicht zur Kühlung meines Kopfes genutzt. Für kürzere Fahrten werde ich aber dafür den Lufteinlass bei den Doppelscheinwerfern zu machen. Die VM-Szene hat erkannt, das für ihre Rekordfahrten inzwischen auch die Kühlung, genau wie bei den 1h-Fahrzeugen ein Thema ist.

BentBlog: Wenn die Temperatur so essentiell ist, sollten dann zukünftige Rekordfahrten im Winter angegangen werden?

Christian von Ascheberg Christian: Nein. Keine Chance für den Winter. Zum einen, weil der mein Stoffwechsel im Winter ganz anders läuft. Zum anderen, weil die Luft zu dicht ist. Gegen ein Rekordwochenende in Australien im Winter hätte ich nichts einzuwenden.

BentBlog: Du hast angekündigt, in der Zukunft eher die Planung für Rekordveranstaltungen übernehmen zu wollen und du möchtest auch ausländische Fahrer dazu bringen, nach Deutschland zu kommen um hier auf dem Lausitzring neue Rekorde anzugehen. Was genau hast Du da im Sinn?

Christian: Eine WM, eine EM bei den Liegerädern soll dem großen Anspruch an ihren Namen nachkommen. Eine WM oder EM werde ich niemals hin bekommen. Dazu fehlt eine Verbindlichkeit bei der Terminzusage. Wir werden immer Gäste bleiben, die freie Tage auf Teststrecken nutzen und kommen lange nach Großkunden. Die Seite um www.droplimits.de ist entstanden um Sponsoren eine Plattform zu geben. Hoffen wir, das damit genug Geld herein kommt um ausländischen Fahrern eine ausreichende Reisekostenunterstützung zu geben.

Ein weiterer Punkt. Wir vertreten den ur-Olympischen Gedanken schon ziemlich gut. Reiner Amateursport. Wir haben einen Beruf und zum größten Teil auch Familie. Niemand ist freigestellt bei seinem Arbeitgeber für den Sport. Wir sind unabhängig von den Medien und Geldgebern.

Weitere Testgelände zur Nutzung würden uns gut tun. Mit 25 Starter gleichzeitig auf dem Oval, da sehe ich bei einem Dekra-Event den Anschlag.

BentBlog: Gibt es Hinweise größerer Firmen, dass sie sich ein Sponsoring hierfür vorstellen könnten?

Christian: Da müssen alle mithelfen. Bis vor einer Woche (Anmerkung: ich führte dieses Interview in der Rekordwoche) ging es nur um die Durchführung des Events und das Fahren. Jetzt geht es um ein Reviewing. Bald werde ich mit Fotos durch die Gegend laufen, wo auf der Rückseite steht. „Dankeschön für die Spende an den HPV zur  Durchführung des Rekordevents“

BentBlog: Außerhalb von Szene-Websites war relativ wenig vom Rekordwochenende in den Medien zu finden. Gibt es Anstrengungen, das zu ändern?

Christian: Von meiner Seite aus nicht. Zum Beispiel. Meine örtliche Tageszeitung hat von dem Event gewusst und mich vorher interviewt. Sie wusste auch, das ich für den Fall, das es ein WR wird mit einem Bericht im Lokalteil nicht zufrieden sein würde. Es kam nichts mehr. Die Medien kämpfen gegen Internetzeitungen. www.droplimits.de und bentblog.de sind Internetzeitungen. Autentisch, zeitnah, interaktiv. Den Kampf werden die Medien bei unserem Sport verlieren. Irgendwann merkt dann auch die Masse der Zeitungsleser, das sie nur einen kleinen Teil der Wirklichkeit bekommen. Das ist meine Meinung.

Jörg Basler und Du, Chris Ihr macht hervorragende Arbeit, danke dafür.

BentBlog: Danke für das Kompliment. Du hast neben deiner Ankündigung erstmal nicht zu neuen Rekordfahrten anzutreten aber auch geäußert, dass 1300km schon machbar sind. Reizt es dich doch schon wieder den nächsten Rekord zu knacken?

Christian: Meine Frau ist, nein war überstrapaziert wegen der Rekordfahrten. Die Schmerzgrenze war erreicht. Dazu, wenn ich antrete muss ich ein Potential in Sicht haben um die Leistung weiter hochzuschrauben. Die Schmerzgrenze hat sich verschoben und neues Potential ist in Sicht. Aktuell bemühe ich mich um einen Termin für 6 Stunden.

BentBlog: Nun, Du hältst den 12h-, den 1000km-  und den 24h-Rekord. Unabhängig davon, ob Du die 1300km noch probierst oder nicht, gibt es noch andere sportliche Herausforderungen, die Du in der nächsten Zeit angehen möchtest?

Christian: Nein, ich will Zeit mit meiner Familie verbringen und möglichst lange weiter so glücklich wie jetzt leben. Von daher hinterfrage ich Änderungen, die sich durch einen Erfolg erschließen. RAAM dennoch reizt mich definitiv.

BentBlog: Viel Glück und Spaß dabei. Vielen Dank für dieses Gespräch!

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