Es ist ziemlich ruhig geworden, hier auf BentBlog.de. Ich habe in meinem feed-the-family-Job ziemlich viel zu tun. Trotz allem nutzt dieser Job manchmal auch meinem Blog. Als ich von einer viertägigen Dienstreise nach Noordwijkerhout (Niederlande) vor einigen Wochen (ja, so lange her) zurückfuhr, konnte ich die Route so planen, dass ich zwei Liegeradhersteller besuchen konnte. Der erste von diesen war Optima Cycles.
Ich hatte ihnen im Vorhinein mitgeteilt, dass ich sie mit meiner Kollegin und Chefin Gisela besuchen würde; sie ist Motorrad-Enthusiastin und kann daher meine Liegeradsucht nachvollziehen. Sie konnte sich nur nicht vorstellen, ein solches Rad selbst zu fahren. Ich war neugierig, ob sie ihre Meinung ändern würde.
Gegen Mittag an einem Donnerstag erreichten wir die Optima-Adresse, Salland 5, Beverwijk, die in einem Industriegebiet liegt. Wir mussten zweimal wenden, bevor wir verstanden, dass das graue, unauffällige Fabrikgebäude unser Ziel war. Optima Cycles sind kürzlich dorthin gezogen und haben bislang noch kein Logo angebracht. Wenn Ihr die Adresse nicht kennt, werdet Ihr es also nicht finden. Sie teilen sich das Gebäude mit eine anderen (Aufrecht-) Radfirma und nachdem deren Angestellte uns den Weg gewiesen hatten, landeten wir schließlich in den Optima-Büros im ersten Stock, wo wir Arend-Jan van Lent trafen. Wenn Ihr erstaunt wart von den Internetvideos auf denen man sah, wie ein Konzeptfaltbaron auseinander und zusammengefaltet wurde oder Ihr diese Demonstration auf der Spezi gesehen habt, könnt Ihr Arend-Jan schon mal gesehen haben. Wir tranken eien Kaffee mit dem Liegeradfilmstar und lernten etwas über die Firma für die er arbeitet.
Arend-Jan, der einen Master als Ingenieur für Industriedesign besitzt, kam kürzlich zu Optima Cycles nachdem er den oben genannten Faltbaron im Zuge seiner Masterarbeit entwickelt hat. Mehr über dieses Fahrzeug erfahrt Ihr weiter unten. Es gibt noch einen Industriedesign-Ingenieur im Team, Yme Boomstra. Ein weiterer Angestellter, Architektur-Ingenieur Thomas Ettema war nicht anwesend, da er sich von einem Unfall mit seinem Fixie-Rad erholen musste, Gute Besserung, Thomas! Außerdem arbeiten noch Marcel van Haasteren, der die meisten Räder zusammenbaut und Mark Scherpenzeel, der ehemalige Manager von Airodin France, dem besten Optima-Händler in Frankreich, welcher nun als marketing/sales/PR manager für Optima. Geleitet wird die Firma von CEO Michael van der Meijden.
Der interessantest Teil für einen BentBlogger auf Besuch ist die Halle unter den Büros. Arend-Jan führte uns herum und zeigte uns die kleine Metallwerkstatt wo sie die meisten ihrer Prototypen bauen. Eine Hitzebehandlung der Aluminiumrahmen ist dort nicht möglich, diese Werkstatt ist somit nicht für die Produktion der „finalen“ Modelle gedacht. Trotzdem ist es wichtig, zu sehen, wo die Probleme im Ausrichten der Teile vor dem eigentlichen Schweißen sind oder welche anderen Handling- und Produktionsproblem auftauchen können. Sowas kann man nicht auf dem Bildschirm eines Computer Aided Design Arbeitsplatz sehen. Andere Dinge, die einfach im echten Leben geprüft werden müssen, sind das Zusammenpassen der Teile, die Produktästhetik und natürlich die Produktergonomie. Also nutzen sie diese Werkstatt um das zu testen. Die finalen Rahmen werden in Taiwan hergestellt, was sie – erklärt Arend-Jan – nicht nur wegen des Preises machen, sondern auch wegen der extraordinären Qualität dieser Taiwanesischen Firma. Taiwan hat sich zu DEM Land für Fahrradrahmenproduktion entwickelt. Die meisten der weltweit produzierten Fahrräder werden heutzutage in Taiwan und China hergestellt. Optima besucht ihre Produktionsstätte in Taiwan regelmäßig, was auch der Grund dafür war, warum wir Michael van der Meijden und Mark Scherpenzeel nicht antrafen.
Optima hat ihre aktuellen Modelle in den letzten paar Jahren wenig verändert. Nun haben sie ihr elegantestes Modell (ich weiß, das ist Ansichtssache, andere mögen das anders sehen) auf aktuellen Stand gebracht: das Cougar. Die Hauptveränderungen betreffen die Schwinge, welche nun nett geschwungen und mit einer adretten Befestigung für den Dämpfer (siehe Photo) produziert wird. Die Befestigung des Dämpfers im Rahmen wurde auch aufgehübscht. Dieses 26/26 Rad zielt auf gute Manövrierbarkeit bei einem relativ kurzen Radstand und einer – verglichen mit anderen Optima-Rädern – eher niedrigen Sitzhöhe. Sein Gewicht startet bei um die 11kg und es gibt keine spezielle Fahrergewichtseinschränkung. Ich sah einen der ersten (bis jetzt den einzigen) neuen Rahmen im Prozess des Zusammenbaus. Hey Jungs, wenn diese im großen Maßstab erhältlich werden, hätte ich gerne ein Review-Modell!
Ich nahm auch noch auf einem Baron Elite (ein Baron mit Carbon-Hinterbau und etwas größerer Tretlagerüberhöhung) platz. Das war ein großer Spaß für Gisela, da diese Maschine einen nichtfaltbaren Tiller hatte und ich, nun, hmm, ein bischen klein für mein Gewicht bin. Somit gab es eher wenig Luft zwischen dem Tiller und meinem Bauchspoiler, und es sah wohle etwas schräg aus, als ich von dem Rad wieder aufstand. Als deutlichen Kontrast versuchte ich noch auf einem Orca Platz zu nehmen. Zu meiner Überraschung konnte ich gut auf diesem eher hohen Rad auf- und wieder absteigen – wenn Ihr also drüber nachdenkt, einen solchen hohen, komfortablen Reiselieger zu fahren und Ihr nicht ganz sicher seid, ob Eure Beine lang genug sind, macht Euch keine Sorgen. Die Innenbeinlänge meiner Beine ist nur etwa 80cm. Und ich hätte dieses Rad fahren können, wenn der Ausleger auf mich eingestellt gewesen wäre.
Wie auch immer, mein Besuch bei Optima hatte vor allem zwei Gründe: den faltbaren Baron zu sehen und das Lynxx probezufahren, da ich darüber nachdachte, mir eins anzuschaffen.
Der faltbare Baron ist im Wesentlichen ein faltbarer Baron Elite da dieser Prototyp über den Carbonhinterbau und die sportlichere Tretlagerüberhöhung verfügt. Arend-Jans Pflichtenheft umfasste nicht nur einen faltbaren Rahmen eines Lowracerliegerades. Sein Ziel war ein Rad zu entwickeln, das täglich, schnell, sauber und einfach von einem Zugpendler zusammen- und auseinandergefaltet werden kann. Außerdem sollte das Rad zuhause so kompakt wie möglich aufbewahrbar sein, in einen Kofferraum passen und im gefalteten Zustand manövrierbar sein, ohne getragen werden zu müssen. Dies wollte er mit einem Faltmechanismus erreichen, der in einer Art funktionierte, dass alle Teile am Rad befestigt bleiben, so dass man ein einziges, tragbares Paket erhält. Nun, Arend-Jan hat einen fantastischen Job gemacht. Er demonstrierte den Faltprozess einige Hundert Mal währen der Spezi und hat es für uns nochmal gemacht (seht Euch die Videos an). Es dauert, ohne sich zu stressen, weniger als 15 Sekunden (mit etwas Übung sogar innerhalb 10 Sekunden). Der Sitz wird mittels Schnellverschluss gelöst und neben das Vorderrad gefaltet, nachdem der Tiller vorwärts gefaltet wurde. Dann werden zwei Rahmenverbindungen gelöst (und von Stahlfedern zusammengehalten, was verhindert, dass das Rad unkontrolliert kolabiert) und man kann das Rad einfach zusammenfalten. Die Kette faltet sich sehr schön ohne zu sehr verdreht zu werden. Arend-Jan dachte auch noch an ein weiteres Detail: Man kann die Lenkergriffe benutzen um das gefaltete Paket zu schieben. Es rollt auf dem Vorderrad, somit kann man es vor- und rückwärts bewegen (was nicht möglich wäre, wenn es auf dem Hinterrad rollen würde). Dies ist das erste Faltliegerad, das ich jemals sah, welches für mich in Betracht käme für einen täglichen Faltprozess würde ich per Zug pendeln. Eine phantastische Ingenieursleistung!
Ich fragte, wann dieses Modell erhältlich sein wird. Die Antwort war, dass sie noch den Produktionsprozess der Rahmen optimieren. Die Schnitte durch den Rahmen sind nicht rechtwinklich, was die Produktion schwieriger macht. Sie hoffen, ihn noch im Laufe des Jahres auf den Markt zu bringen.
Dann wurde es Zeit für eine Testfahrt. Arend-Jan justierte den Ausleger eines Lynxx für mich und ich fuhr eine kurze Strecke. Optima preist das Lynxx als Allrounder an. Nun, das ist eine gute Beschreibung für dieses Rad. Die Sitzhöhe ist hoch genug um im Stadtverkehr gesehen zu werden und tief genug um einfach drauf und wieder runter zu kommen. Das Tretlager ist gut über der Sitzhöhe und führt zu einer komfortablen, dabei effizienten Fahrtposition. Das Lynxx steuert sich sehr einfach – es reagiert so, wie man es erwaret. Es ist gut um Kurven manövrierbar aber wenn man die Hände entspannt auf die Griffe legt, fährt es auch ruhig und stabil geradeaus. Das Rad, das ich fuhr hatte nur eine Rahmenfederung und ich kam zum Schluß, dass, wenn man nur auf Asphalt fährt, das bei diesem Rad auch reicht.
Als ich von meiner Probefahrt zurückkam, sah ich ein Velomobil versteckt in einer Ecke hinten in der Halle. Zuerst erkannte ich nicht, was es war und fragte die Jungs. Es war ein Glyde. Optima Cycles ist der europäische Distributor für Greenspeed trikes – was all die teilzusammengebauten Trikerahmen in der Werkstatt erklärte – und daher auch für das Glyde-Velomobil. Okay, es war Zeit für eine zweite Probefahrt;-) Das Glyde sieht phantastisch aus – von außen. Wenn man sieht, wie das Luk geöffnet wird, erinnert das an einen Sportwagen. Wenn es dann erstmal geöffnet ist, fragt man sich, wie man in das Fahrzeug reinkommen soll. Das wird natürlich einfacher, je öfter man es macht. Aber es gibt eine ganze Reihe von Stellen in dem Velomobil, wo man die Füße nicht draufstellen sollte. Ich brauchte richtig lange um reinzukommen. Am Ende der Fahrt wieder rauszukommen war viel einfacher. Ich machte es dann einfach so wie ich in ein Kayak ein- oder aussteige. Hände auf den Süllrand und dann den Körper mit den Armen heben bis man die Füße irgendwo draufstellen kann, wo man nichts kaputt macht.
Meine einzige vergleichbare Erfahrung mit einem Velomobil hatte ich vor einigen Monaten mit einem Alleweder A4, somit ist der absolute Wert meiner Gedanken über dieses Vehikel eher limitiert. Die Panzerlenkung hatte ich nach etwa vier Kurven unter Kontrolle, das war kein Problem. Die Steuerung reagiert ziemlich direkt und das VM beschleunigt besser als ich erwartet hatte. Als ich später hörte, dass es um die 39 kg wiegt, war ich erstaunt. Nun ja, allerdings bin ich auch keinen Hügel hochgefahren. In der Gegend in der ich wohne, wäre das ein hartes Argument gegen das Fahrzeug. Das Glyde hat 16“ Vorderräder und das hat zwei Dinge zur Folge: Erstens macht es das Fahrzeug sehr beweglich, es ist kein Problem auf einer normalen Straße zu wenden. Zweitens fühlt man jedes Schlagloch, da die kleinen Räder einfach in sie hineinfallen. Nach einer kurzen Fahrt fuhr ich zurück zu Optima. Ich übersah ein Polizeiauto, das von rechts kommend Vorfahrt hatte. Ich habe sie nicht getroffen und sie haben sich nicht beschwert, vielleicht sieht das Vehikel einfach freundlich genug aus;-).
Es gab keine Spiegel an diesem Glyde, und ich habe sie sehr vermisst. Während ich den Verkehr hinter mir auf dem Lynxx noch gut beobachten konnte, was dies im Glyde unmöglich. Als das Luk öffnete, so dass ich aus dem Glyde aussteigen konnte, fühlte ich die frische Luft um mich herum und erkannte, wie feucht und warm es in dem Velomobil geworden war, obwohl es weder eine lange noch eine schnelle Fahrt war. Wie auch immer, es war eine Erfahrung, dieses Rad zu fahren.
Ihr erinnert Euch vielleicht, das wir auf dem Weg nach Hause von einer Dienstreise wahren und noch ein weiterer Liegeradhersteller auf uns wartete. Also mussten wir die freundliche Optima Crew verlassen. Es war ein schöner Besuch und Gisela war überrascht wieviele verschiedene technische Probleme beim Bau eines Liegerades gelöst werden müssen und wie klein und dünn alle Dinge sein müssen, verglichen mit dem Motorrad. Obwohl sie immerhin auf dem Sitz eines Lynxx Platz genommen hatte, wollte sie immer noch nicht auf einem Fahren.
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