Wenn man sich durch Foren, Websites, Blogs liest auf der Suche nach Informationen über Velomobile, stolpert man immer und immer wieder über einen Namen: Ymte Sijbrandij! Renn-Gott und die Velomobil-Person. BentBlog sprach mit ihm.
BentBlog: Ymte, man kennt Dich nicht nur als sehr erfolgreichen Velomobilrennfahrer, du hast außerdem damals in den 1990ern bei Flevobike gearbeitet, als die das Alleweder-Kit verkauft haben. Du hast die Firma 1999 verlassen und zusammen mit Allert Jacobs und später Theo van Andel velomobiel.nl gegründet. In der Folge habt Ihr das Velomobil-Konzept zum Quest weiterentwickelt und von seinen verschiedenen Evolutionsstufen das Mango und das Strada abgeleitet. Was macht Dir mehr Spaß? Rennen fahren oder das Velomobile-Geschäft?
Ymte: Ich habe außerdem auf zweirädrigen Liegerädern Rennen gefahren, verkleidet und unverkleidet; und das Ruderrad. Aber in den letzten Jahren wurde das Velomobil mein Lieblingsfahrzeug. Ein Teil des Spaßes ist, dass ich mit demselben Rad auf höchstem Level rennfahren kann, mit dem ich auch zur Arbeit fahre, Ferienreisen mache und Einkaufen fahre. Wenn möglich, reise ich mit dem Velomobil zum Rennen, nehme meine Kinder mit, 2 im Anhänger und das Jüngste auf meinem Schoß. In meiner früheren Kariere war ich Buchhalter und Steuerberater für Bauern. Meine Kenntnisse in Betriebswirtschaft waren wertvoll für Flevobike, die damals ein wachsendes Unternehmen waren. Neben meinem Enthusiasmus für Liegeräder war das einer der Gründe, warum Flevobike mich bat für sie zu arbeiten. So kam ich mit dem Velomobil-Geschäft in Kontakt. Bei Flevobike lernte ich praktische Dinge darüber, wie man ein Geschäft betreibt, ohne diese Erfahrung hätten Allert und ich wohl nie unsere eigene Firma gegründet, als Flevobike beschlossen hatte, sich nicht mehr länger auf den Bau von rädern zu fokussieren. Wir wollten das Quest bauen. Es war nie unser Traum, unsere eigene Firma zu haben, wir wollten nur das Quest bauen und die Idee des Velomobilfahrens verbreiten. Eine Firma zu gründen, war in unserem Fall der naheliegendste Weg.
BentBlog: Was fasziniert Dich daran, Velomobile zu entwickeln?
Ymte: Ich bin fasziniert davon, Velomobile zu fahren, nicht so sehr vom Entwicklungsprozess selbst. Natürlich habe ich eine Vorstellung davon, wie ein Velomobil aussehen sollte und wenn Du Teile bauen musst und Räder reparieren musst, bekommst Du eine Vorstellung davon, wie man etwas besser und effizienter machen kann. Mein Kollege Allert Jacobs ist der echte Velomobilentwickler. Er hat die Kenntnisse und die Geduld um sowas zu machen; er ist der Designer des Quest und machte weiter trotz aller Skepsis anderer Leute, darüber wie limitiert die Manövrierbarkeit wegen der geschlossenen Radkästen wäre und wegen des langen Hecks. Aber er wusste, was er tat; zuerst haben wir mit dem Alleweder Tests durchgeführt mit künstlich limitierter Steuerung. Wir stellten beim Pendeln und Reisen mit diesem Rad fest, was gerade noch akzeptabel wäre. Schließlich war etwas dagegen abzuwiegen: eine bessere Aerodynamik.
BentBlog: Das neue Mango Sport von Sinner hat Scheibenbremsen. Wird es die beim Quest und beim Strada in Zukunft auch als Option geben?
Ymte: Das Mango Sport ist sehr neu, im Moment ist es noch nicht bei einem Kunden in Benutzung. Ein Velomobil mit Scheibenbremsen zu bauen, ist kein Kunststück. Alle Teile sind vorhanden, auch wir haben sie im Regal.
Natürlich haben wir Scheibenbremsen getestet; wir benutzen sie übrigens am Duoquest. Sie funktionieren prima mit einer netten, leichten Berührung, aber jetzt im Winter brauchen sie eine Menge Aufmerksamkeit. Zumindest alle 500 km müssen sie nachgestellt werden, für einige unserer Kunden würde das bedeuten, das einmal pro Woche zu machen.
Unserer Kunden sind hauptsächlich Pendler. Sie wollen ein verlässliches, wartungsarmes Velomobile. Trommelbremsen sind wartungsarm und funktionieren gut im Flachland. Letztendlich funktioniert das aerodynamische Velomobil optimal im windigen Flachland, wie die Gegend in der wir leben. Das heißt nicht, dass wir nicht an den Bremsen arbeiten müssen. Beginnend mit diesem Jahr, verwenden wir neue hochqualitative Zughüllen (Jagwire), das ist eine große Verbesserung. Außerdem sind jetzt größere Trommelbremsen (90mm statt 70 mm) erhältlich. Mehr Hitzeaufnahmekapazität bergab. Wir glauben, dass Verbesserungen wie diese bessere Lösungen darstellen als Scheibenbremsen. Scheibenbremsen können auch bergab überhitzen und mit den Verbesserungen an den Trommelbremsen kommen wir sehr nah an das nächste Limit der Bremsleistung, den Gripp der Reifen.
BentBlog: Okay, Du empfiehlst Scheibenbremsen also nicht wirklich, aber Du sagst, alle Teile seien vorhanden. Bedeutet das, dass wer auch immer ein Velomobil fährt, das von Euch gelieferte Federbeine hat, sich Federbeine mit Scheibenbremsaufnahme bei velomobiel.nl bestellen kann?
Ymte: Wir haben die Scheibenbremsen und ihre Befestigung am Duoquest gelöst, aber wir verkaufen keine Scheibenbremsfederbeine einzeln oder als Option an unseren Velomobilen. Wir sind noch nicht fertig mit dem Testen.
BentBlog: Ihr habt nie aufgehört, Euch Produkte weiterzuentwicklen. Unter anderem habt Ihr ein 3×26“ Quest für dich selbst und das erwähnte Duoquest gebaut. Waren das reine Spaßprojekte oder hatten sie irgendwelche Schwächen, die die Markteinführung verhinderten?
Ymte: Wir sind immer neugierig auf neue Konzepte. Der Rollwiderstand bei einer Reisegeschwindigkeit von 35-40 km/h macht immer noch etwa die Hälfte des Gesamtwiderstandes eines aerodynamisch optimierten Velomobils aus. Es gab einige Anhaltspunkte dafür, dass 26″ Reifen etwa 30% geringere Rollwiderstände hätten als 20” Reifen. Wir stellten uns vor, dass wir das Velomobil für den Durchschnittskunden verbessern könnten, höheren Luftwiderstand (größere, offene Radkästen) im Ausgleich für einen geringeren Rollwiderstand, aber es gab keinen echten Gewinn im Vergleich zum Original-Quest. Außerdem sind größere Räder komfortabler. Ein Velomobil ohne Federung zu bauen, würde es günstiger baubar, wartungsärmer und leichter machen. Wir probierten das 3×26″ Quest ohne Federung aber die Ergebnisse waren eher enttäuschend, raue Fahreigenschaften und außerdem schlechter Straßenkontakt bei höheren Geschwindigkeiten. Nach 10.000 km hatte ich einige Probleme mit Speichenbrüchen, aber vielleicht hatte das auch nur mit meinem Gewicht und Kurvenfahrverhalten zu tun. Das 3×26″ Quest läuft noch und ist mehr als 40.000 km gelaufen, nachdem wir es verkauft haben, ohne Probleme mit den 26″ Vorderrädern.
Das Duoquest ist eher ein Konzepttest. Wir dachten, es wäre sehr nett, nebeneinander zu sitzen und wollten sehen, ob eine Breite von 135 cm noch akzeptabel ist. Es ist noch möglich, Radwege und Straßen zu fahren und es macht Spaß. Letztlich ist das Velayo fast genauso groß wie das Duoquest und die Leute haben nicht wirklich ein Problem damit zu fahren. Obwohl beide pedalieren, ist die Geschwindigkeit ein bisschen geringer als beim Original-Quest, hauptsächlich wegen der schlechteren Aerodynamik, der Breite im Verhältnis zur Länge und wegen der offenen Radkästen. Sehr schöne Eigenschaften sind die unabhängigen Antriebsstränge und die Möglichkeit für beide Fahrer, die Kontrolle über Steuerung und Bremsen zu übernehmen, ohne die Sitzposition zu tauschen. Übrigens ist das Duoquest im täglichen Einsatz durch Allert und seine Freundin, unsere Kollegin Eva, die 20 km pro Richtung pendeln. Nach 8000 km funktioniert es immer noch gut. Im Moment gibt es keine Pläne für eine Serie. Es ist effizienter, Quests und Stradas zu bauen, und ein Duoquest würde mehr kosten als zwei einzelne.
BentBlog: In den letzten zwei Jahren tauchten einige zusätzliche Modelle auf. Ihr habt das Strada entwickelt, Sinner das zuvor genannte Mango Sport und Alligt das Alleweder 6 und 7. In Deutschland das Milan, Go-One und das Velayo sowie Brise und X-Stream sind Zeichen größerer Diversität auf dem Markt. Müsst Ihr Euch vor so viel Konkurrenz fürchten?
Ymte: Ich würde mich nie vor einem neuen Velomobil fürchten; der schlimmste Fall wäre, wenn andere so viel besser, effizienter wären, dass wir unsere Velomobile nicht mehr verkaufen können. Das würde heißen, eins unserer Ziele, Verbreitung des Velomobils, ist erreicht, Mission erfüllt. In dem Fall würden wir unsere Produktion stoppen und mit unserer Firma weitermachen, indem wir als Händler auftreten. Wenn das auch nicht klappen würde, würde ich mich einfach nach einem neuen Job umsehen und eins dieser Velomobile kaufen, ja manchmal träume ich von einem ruhigen 3-4 Tage/Woche Job, mit dem man genug Geld verdient und die “Probleme” des Bauens und Wartens meines Rades anderen Leuten zu überlassen;-)
Darüber hinaus, als Zulieferer von Teilen wie den Federbeinen für Alligt, Go-One, Milan, Mango und WAW profitieren wir auch von Verkäufen von deren Velomobilen.
BentBlog: Ihr hattet einige „Abonnement-Kunden“, die jedes Jahr neue Quests kauften und ihre “alten” zu hohen Gebrauchtpreisen verkauften. Ist das noch möglich bei so viel Wettbewerb auf dem Markt?
Ymte: Hohe Gebrauchtpreise sind ein viel diskutiertes Thema. Zunächst einmal möchte ich sagen, dass, soweit ich weiß, keiner unserer Kunden in erster Linie ein Velomobil kauft, um Geld damit zu verdienen, Sie kaufen es um es zu fahren! Am Anfang waren wir ziemlich überrascht über die hohen Preise der Gebrauchträder. Einige Leute verdächtigten uns, gerissene Pläne zu schmieden um den Markt zu manipulieren, indem wir nicht an der Ausweitung unserer Produktion arbeiteten. Glaub uns, ich würde gerne in der Lage sein, den Markt so gut vorhersagen zu können. Wir arbeiten einfach in einer Weise, dass wir es hinkriegen und uns wohl dabei fühlen. Es ist ein großes Kompliment, dass jemand bereit ist, einen so hohen Preis für dein Produkt zu bezahlen. Es ist auch ein Kompliment, wenn jemand ein zweites oder drittes deiner Velomobile kauft. Das machst Du nur, wenn du zufrieden bist mit dem Produkt. Frühe Kunden hatten als Belohnung für ihr Vertrauen in uns, einen geringen Wertverlust ihres Velomobils. Aber am Ende werden die Preise auf normales Niveau runtergehen.
BentBlog: Was ist das Besondere am Quest und/oder Strada?
Ymte: Wir haben begonnen, Velomobile zu bauen, weil wir welche fahren wollten. Wir bauen sie so, dass sie zumindest unsere Anforderungen erfüllen. Unsere Räder werden von Radlern designt, mit einigen wenigen wichtigen Vorgaben: Kette und Umwerfer sollen zugunsten einer hohen Standfestigkeit und Wartungsarmut durch einen geschlossenen Radkasten separiert sein vom Hinterrad, und alle Räder sollen einseitig aufgehängt sein um Reifenwechsel schnell und ohne Demontage des Rades vornehmen zu können. Reifenpannen sind unvermeidbar und Pendeln findet während eines großen Teils des Jahres im Dunkeln statt. Wenn es dann noch regnet, musst Du trotzdem zur Arbeit fahren, also ist einfaches Schlauchwechseln sehr wichtig. Für den Komfort haben wir eine Federung mit sinnvollen Federwegen an jedem Rad. Die Vorderradfederung hat ein spezielles Design, bei 50mm Federweg bleiben beide Räder in der Spur während die Federung arbeitet.
Außerdem haben wir einen sehr schönen Schaumstoffdeckel entwickelt. Sicher für den Kopf und einfach ab- und mitzunehmen, wenn das Wetter schön ist. Andere kleine, aber wichtige Dinge sind Standard: ein vom Sitz aus einstellbares Frontlicht und aus Sicherheitsgründen ein Bremslicht. Alle Arbeiter bei velomobiel.nl fahren Velomobile. Last but not least versuchen wir den Service so gut wie möglich zu machen, wir haben an 6 Tagen pro Woche geöffnet und bearbeiten mail-Bestellungen am selben Tag. Außerdem haben wir eine “offene” Firma. Jeder kann in unsere Werkstatt reinschauen und wie viele Räder wir bauen und verkaufen ist kein Geheimnis. Ich denke, das ist es, was dazu führt, dass Leute Vertrauen in unsere Firma haben. Es ist eine große Sache, ein Velomobil zu kaufen und du musst der Firma vertrauen, dass sie ihr bestes geben, damit dein Velomobil auf der Straße bleibt. Velomobile herzustellen und fahrbereit zu halten, ist sowas wie eine Kooperation zwischen dem Hersteller und dem Nutzer, und wir versuchen mit unseren Kunden im Kontakt zu bleiben und von ihnen zu lernen. Auf unserer Website (http://www.velomobiel.nl/rijderslijst/) verfolgen wir alle Velomobile, die wir liefern.
BentBlog: Milan, Mango-Sport und Go-One Evolution zielen auf hohe Geschwindigkeit (manche in speziellen Carbon-Versionen) durch geringes Gewicht. Werden Quest und Strada auch Gewicht verlieren um schneller zu werden?
Ymte: Geringes Gewicht ist wichtig, aber nicht zu jedem Preis, zum Beispiel sollte der Boden deines Rades stark genug sein, um Gemüse reinzupacken, aber auch Dosen und Flaschen. Wir bauen keine Rennräder, sondern Alltagsräder. Gewicht wirkt sich auf die Geschwindigkeit aus, sollte aber nicht überbewertet werden. Nicht alle Velomobile haben das Gewicht, das von den Produzenten angegeben wird. Und ein sehr leichtes Velomobil ist immer noch sehr schwer, verglichen mit Rennrädern, aber das größte Gewicht hat man selbst. Ein Teil des Gewichtsparens bezieht sich zum Beispiel auf Reifen und Sitzbezüge; man kann immer Gewicht sparen, an jedem Rad. Das heißt nicht, dass wir nicht nach Wegen suchen um Gewicht einzusparen, wir hoffen einmal ein Velomobil von 30kg zu bauen, voll ausgerüstet für den täglichen Einsatz.
BentBlog: Außer Euren eigenen Modellen, welches der gegenwärtigen Velomobile würdest Du gerne besitzen / ist interessant für Dich? Und warum?
Ymte: Ich würde gerne jedes kommerzielle Velomobil besitzen und in ein nettes Museum stellen. Jeder, der nicht nur über Velomobile spricht sondern auch etwas baut um seine/ihre Ideen in der Praxis zu testen verdient Respekt, es ist ein großer Aufwand.
BentBlog: Was ist die wichtigste Velomobil-relevante Entwicklung der letzten 5 Jahre?
Ymte: Die Entwicklung ist, dass wir erfolgreich waren darin zu wachsen und nun etwa 10 Velomobile pro Monat bauen zu können. Wir brauchten über ein Jahr um die ersten 10 zu bauen.
BentBlog: Ymte, danke für dieses Interview!

Thank you for the wonderful interview and thank you to Ymte, Allert & Theo for creating the wonderful Quest.
I fell in love with the Quest when I first saw it over 5 years ago on line.
I now have a Bluevelo Quest and ride every chance I get. Any excuse to ride in my Quest, the slightest reason has me out the door in any weather.
The Quest is a machine of my dreams that brings out the childhood glee within me that I thought to be long lost.
The article is wonderful! The interview strikes me as extremely informative for a velomobile afficiandado as well as someone totally new to the concept. Will you consider similar interviews with the constructors and dealers of Aerorider/Sunrider, Versatile, Velayo, WaW, Glyde, Borealis, Milan, TriSled, Leiba, etc? Also, has there been a discussion as to the constructors centered in Europe, Australia, and to a small extent Canada, but no real active presence in the United States? Thank you!
Hi Doug, thank you very much for your positive feed-back. Yes, there will be more interviews, and in fact: I DID interview the designer of the Velayo already;-) Find it here
best wishes,
Chris
Hey, thanks to Ymte and Chris for ths informative and inspiring interview. I love Ymte’s philosophy especially regarding the view of the competition. Very peaceful and wise, deep respect!
Happy riding into the summer all you velomobilists, recumbent(ist)s and cyclists!