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“Es war nicht mein Ziel alles anders zu machen, aber es hat sich so ergeben” – Ein Interview mit Velayo-Designer Marcus von der Wehl

Velayo Als ich ihn um Bildern von sich und seinem Velomobil bat, schickte er mir welche und schrieb: “Auf dem einen Foto ist übrigens mein Vater mit zu sehen, der mir nie ein Velomobil bauen wollte! Dafür habe ich ihm auf den 20km, die wir nach dem “Fototermin” gefahren sind, 17 min abgenommen. Wenn ich das noch 8000mal mache, dann habe ich die Entwicklungszeit wieder reingeholt!”

Der 35jährige Diplom Ingenieur für Fahrzeugtechnik und Master of Business Administration Marcus von der Wehl hat das Velayo entwickelt und 2009 auf den Markt gebracht. Nun hat er sich eine neue Arbeitsstelle in Bremen gesucht und will in seiner Freizeit sein Produkt verbessern und seinen Marktanteil erhöhen.

BentBlog sprach den ungewöhnlichen Entwickler eines ungewöhnlichen Velomobils.

BentBlog: Marcus, Du verkaufst seit 2009 das von Dir entwickelte Velayo. Was hat dich dazu bewogen ein weiteres Velomobil auf den Markt zu bringen?
Marcus: Ich wollte ein Velomobil mit größerer Sitzhöhe bauen, das dabei möglichst leicht bleiben sollte.

BentBlog: Das Velayo ist deutlich höher als die meisten anderen VMs, die Vorderräder stehen außerhalb der Karosse, er hat Vorderradantrieb und Hinterradlenkung. Du machst scheinbar alles anders als die anderen. Warum?
Marcus: Es war nicht mein Ziel alles anders zu machen, aber es hat sich so ergeben. Wegen des hohen Schwerpunktes mussten die Räder weiter auseinander, damit die Kippstabilität erhalten bleibt. Und damit das Fahrzeug trotzdem nicht zu schwer wird, habe ich mich für Vorderradantrieb entschieden: die Kette bleibt immer kurz, egal wie groß der Radstand ist, und man braucht keine kraftraubenden Kettenumlenkungen. Außerdem wollte ich sicherstellen, dass die Vorderräder immer parallel laufen, damit auch hier keine Reibungsverluste auftreten. Das geht am besten mit einer starren Vorderachse. Die bedingte dann wiederum eine Hinterradlenkung. Das war dann eigentlich der schwierigste Teil: normale Hecklenkungen haben ja entweder einen schlechten Geradeauslauf oder kommen nicht von selbst wieder aus der Kurvenfahrt in den Geradeauslauf zurück. Die Hecklenkung vom Velayo kann beides: sie hat einen stabilen Geradeauslauf und baut bei Kurvenfahrt Rückstellkräfte auf. Wenn man so will ist die Hecklenkung die Schlüsselinnovation des Velayo: ohne sie wäre das Fahrzeug schwerer und hätte einen höheren Rollwiderstand und größere Reibverluste im Antriebsstrang.

BentBlog: Der Antrieb wirkt nur auf ein Vorderrad. Ist das nicht sehr nachteilig, jetzt im Winter? Ist das Velayo eher ein Schönwetterfahrzeug?
Marcus: Auf dem Vorderrad lasten ca. 30% des Fahrzeuggewichtes, bei anderen Trikes/Velomobilen lastet auch nicht viel mehr auf dem Hinterrad, weil der Fahrzeugschwerpunkt in Vorderachsnähe bleiben muss – hinten nimmt die Kippstabilität ab. Im Velayo kann man allerdings durch Verlagern des Körpergewichts nach links noch mehr Last auf das angetriebene Rad bringen – der Trick funktioniert in einem heckgetriebenen Fahrzeug dagegen nicht. Damit ist das Velayo nicht mehr oder weniger Schönwetterfahrzeug als irgendein anderes Velomobil.

BentBlog: wo siehst Du die Nische des Velayo? Was kann er besser als andere VMs? Velayo
Marcus: Ich denke, dass es viele Leute gibt, die sich wegen der geringen Sitzhöhe mit den bisher erhältlichen Velomobilen im Straßenverkehr nicht wohlfühlen. Außerdem denke ich, dass es viele Leute gibt, die sich ein unkompliziertes und gut selbst zu wartendes Velomobil wünschen, weil das Händlernetz ja sehr dünn ist. Das sind die Leute, die ich mit dem Velayo ansprechen möchte. Ich denke übrigens, dass das auf Dauer nicht die Nische, sondern eher der Hauptmarkt ist.

BentBlog: Das Velayo erinnert im Aussehen an Rennautos von Anfang letzten Jahrhunderts. War es dein Ziel, auch optisch was anderes zu bieten oder folgte hier das Design schlicht der Funktion?
Marcus: Ich wollte schon dass das Velayo optisch gefällt, aber dass es so viele an die 20er-Jahre-Rennwage erinnert hat sich wohl funktional ergeben: ich denke dass die Assoziation von den schmalen, freistehenden Rädern mit relativ großem Durchmesser herrührt, und die haben sich ergeben, weil ich gut rollende Räder und eine möglichst geringe Stirnfläche umsetzen wollte.

BentBlog: Vor und während der Markteinführung hast Du Dich immer mal wieder im Velomobilforum zu Wort gemeldet. Seit einigen Monaten ist es stiller geworden. Hast Du im Hintergrund neue Entwicklungen vollzogen, zu denen Du hier was verraten kannst?
Marcus: Ich war hauptsächlich damit beschäftigt Velayos zu bauen. Und da ich das Gefühl hatte, dass es ohnehin glaubwürdiger ist, wenn meine Kunden von ihren Velayo-Erfahrungen berichten als ich, habe ich mich aufs Bauen konzentriert. Weiterentwicklungen gibt es natürlich auch: einen Windabweiser und ein Sitzpolster im Netzsitz sind dazugekommen, ein doppelseitiger Vorderradantrieb und eine Haube sind in Arbeit.

BentBlog: wie wird es weitergehen mit dem Velayo? Wird er eine interessante Kleinserie bleiben oder ähnliche Präsenz zeigen wie Go-One oder Milan?
Marcus: Letzteres: in den ersten 6 Monaten sind 7 Velayos verkauft worden, Tendenz steigend. Meiner Einschätzung nach und der von Andreas Seilinger von Traumvelo ist zu erkennen, dass die Erfahrungen der ersten Kunden hier auch anderen Vertrauen geben, dass das Velayo ein wirklich gut funktionierendes Produkt ist.

BentBlog: Ich finde es auch toll! Vielen Dank für das Interview und alles gute für die velomobile Zukunft!

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